hier klicken: zu RADIO RESCHKE

Startseite | Radio Reschke Blog | Praktische Selbsthilfe (Wiki)
Systemkrise Hintergrund | Systemkrise aktuell
Über | Impressum

Folge Radio Reschke/GLR per Feedburner-Feed

Links

Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.
Artikel 146, GG

hier klicken: Weitere Infos

Gerd-Lothar Reschke:
Selbsterkenntnis und die Erfahrung der Leere.
Logbuch 3.2006 – 12.2006


Engelsdorfer Verlag,
606 Seiten, 28,00 Euro,
ISBN 978-3-86703-016-8

Textprobe als PDF-DateiInhaltsverzeichnis (PDF)
Bestellenhier: Zur Bestellung


Zen und die Systemkrise

Der große Meister Chosa Shoken lebte in Konan während der Sung-Dynastie. Er sagte einst zu seinen Schülern:
"Die ganze Welt spiegelt sich im Auge eines Mönches wider, die ganze Welt ist in einem Alltagsgespräch enthalten, die ganze Welt ist überall in deinem Körper, die ganze Welt ist dein eigenes Wahres Licht, die ganze Welt ist in Deinem Wahren Licht, und die ganze Welt kann nicht von dir getrennt werden."
— Dogen Zenji, Shobogenzo

Ich verzeichne immer wieder zwei hauptsächliche Reaktionen auf die Systemkrise (in der Öffentlichkeit immer noch mehrheitlich als Wirtschafts- oder Finanzkrise bezeichnet), sowohl bei mir selbst wie auch bei anderen: Auf der einen Seite Gefühle von Wut, Ohnmacht und Enttäuschung — angesichts der Unmöglichkeit, etwas gegen die immer fataler werdenden Fehlentwicklungen zu tun. Und auf der anderen Seite ein Abwenden der Aufmerksamkeit, das man nicht nur als Verdrängung oder Realitätsleugnung bezeichnen kann, sondern das auch eine gesunde Komponente der Selbsterhaltung bzw. der Weigerung zur Selbstschwächung beinhaltet. Das erste ist eine mehr nach außen gewandte Sicht (auch politische oder kritische Sicht genannt), das zweite eine nach innen gewandte Sicht (unpolitisch, aufs direkte Erleben des eigenen Privatbereichs beschränkt). Vielleicht pendelt der eine oder andere auch zwischen beiden Sichtweisen hin und her. So ist es z.B. eine durchaus verständliche Reaktion, aufgrund von intensiver Auseinandersetzung mit extremen Ungerechtigkeiten, mit Irrsinn und Grausamkeit führender politischer Instanzen sowie mit einer zunehmenden Schieflage der globalen Wirtschaftssituation zumindest phasenweise zu resignieren. Man fühlt sich einfach nur schlecht und kann doch nichts tun. Je besser man sich auskennt und je genauer man hinter die Kulissen von politschem und wirtschaftlichem Geschehen zu blicken vermag, desto mehr wird einem das wahre Ausmaß an Zerstörungskraft bewußt, das zur Zeit dort mobilisiert wird. Und zugleich wächst das Bewußtsein der eigenen Hilflosigkeit. Hätte man nicht hingeschaut, hätte man den unaufhaltsamen Mechanismus des Unheils und der Gewalt nicht verstanden, so wäre einem der eigene Seelenfrieden eher erhalten geblieben.

Es lohnt sich, dem beschriebenen Dilemma (Hinschauen oder Wegschauen, Innerlichkeit oder Äußerlichkeit) genauer auf den Grund zu gehen. Das obige Zitat weist auf die Lösung. Es wird dem westlich denkenden Menschen, dessen gesamtes Weltbild auf der Dualität von Ich und Welt basiert, absurd erscheinen. Aber genau deshalb — genau wegen der dualistischen Trennung und dem dadurch verursachten Pendeln zwischen Innen und Außen — scheint uns die Lösung so entlegen, so unerreichbar.


Verdrängung ist keine Lösung; aufgeregtes Politisieren und Kritisieren aber ebensowenig. Was aber ist dann die Lösung? Im Zen gibt es beide Richtungen; sie werden dort als die überwärtige (zur individuellen Selbsterkenntnis und Erleuchtung strebend) und die niederwärtige Richtung (Einsicht und Erkenntnis ins praktische Alltagsleben einbringend und dort nach höchstmöglicher Qualität strebend) bezeichnet. Es sind zwei Aspekte ein und derselben Angelegenheit: des Daseins in und mit der Welt. Mit dem Selbst erscheint immer auch die Welt, und mit der Welt ist immer zugleich auch ein Selbst gegeben, das diese wahrnimmt und in ihr lebt und handelt. Wäre das nicht so, dann gäbe es auch kein Leben, keine Existenz, absolut nichts Wahrnehmbares.

Nun ist, wie insbesondere die eskalierende Systemkrise jedem von uns eindrucksvoll zeigt, dieses Dasein in und mit der Welt auch (aber nicht nur) mit Problemen behaftet. Davor die Augen zu verschließen hilft letztlich überhaupt nichts. Das wäre, als lebte man in einem Haus, das am Rande eines Abhangs stünde und jeden Moment dort hinabzustürzen drohte. Gerade der Mensch, der sich im Sinne des Zen um Wachheit, Bewußtheit und Verantwortungsfühl bemüht, wird kein Problem verdrängen. Ganz im Gegenteil: Er wird all seine ihm zu Gebote stehenden Fähigkeiten und seine gesamte Intelligenz dazu nutzen, das Problem einschließlich dessen Hintergründe und verborgenen Mechanismen zu erforschen und besser zu begreifen.

Nun gilt es, gerade angesichts der Brisanz der eintretenden Krise, nicht in Negativität abzugleiten. Dies ist eine naheliegende und weitverbreitete Reaktionsweise, und dennoch handelt es sich bloß um Dummheit und Unfähigkeit. Die hierzulande gerne hervorgeholte Rechtfertigung für starke Ressentiments, für Haß und Haßprojektion ist ein typisches Symptom für die Unfähigkeit, sowohl die niederwärtige als auch die überwärtige Perspektive des eigenen Daseins anzunehmen und zu bewältigen. Gerade das dualistische Weltbild verleitet sehr schnell zu einer Projektion der eigenen Ungereimtheiten und psychischen Streßsymptome auf falsche Objekte. Bestimmte Figuren werden dann zu Zielscheiben von Abscheu und Verachtung auserkoren; manchmal kommt man nicht mehr dav0n los, sich immer von neuem mit diesen Figuren zu beschäftigen und alles Böse und Schlechte in ihnen sehen zu wollen — sie zu regelrechten Monstern und Zerrbildern unserer Einbildungskraft auszugestalten. Wir sollten diesen unheilvollen psychischen Mechanismus eigentlich gut genug von dem in der Geschichte allzu oft wiederkehrenden christlichen und mohammedanischen Religionsfanatismus her kennen.

Projektion der eigenen Negativität findet immer dort statt, wo von sich selbst komplett abgesehen und alles nur noch im Außen angesiedelt wird. Allzu leicht wird dann das Außen verantwortlich für die eigene Negativität gemacht — und genau das ist es eben nicht, sondern allein wir selbst sind hierfür zuständig. Es gibt keine legitime Rechtfertigung für Negativität, für Haß, Zerstörungsgelüste und Gewalttätigkeit. Damit schadet man nur sich und anderen. Der Mensch regrediert zum blutrünstigen Raubtier. Noch einmal: Jede Rechtfertigung dafür, und klingt sie auch noch so raffiniert, ist nichts als Lüge und billige Ausflucht.

Zurück zum Pendeln zwischen Innen- und Außenperspektive. Verantwortlichkeit bedeutet hier, jedes Problem ganz nüchtern und sachlich zu betrachten und sich ihm, selbst wenn es noch so abstoßend und verzwickt erscheinen mag, zu stellen. Es bedeutet nicht, sich darin zu verlieren. Es bedeutet nicht, den eigenen Seelenfrieden aufs Spiel zu setzen. Jeder von uns kann sich angesichts der Krise fragen, ob sein Denken und Handeln konstruktiv ist, ob es Qualität besitzt, und ob es der Sache dienlich ist oder nicht. Diese Frage nach der Qualität der eigenen Verhaltensweise kennt keine Trennung in Innen und Außen mehr, denn wenn diese Qualität gegeben ist, dann ist sie immer beides zugleich: innerlich wie äußerlich.

Für Inhalte, insbesondere Einschätzungen und Empfehlungen, wird trotz sorgfältiger Auswahl keine Haftung übernommen.
Es handelt sich ausdrücklich um keine Anlage- oder sonstigen Finanzierungsempfehlungen, sondern um unverbindliche Informationen.
Die Nutzung der Veröffentlichungen geschieht auf eigene Verantwortung.

Startseite | GLR Bücher | GLR-Webseiten und -Projekte | Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
Copyright © 2010 Gerd-Lothar Reschke