Die zwei Phasen
In direktem Anschluß dazu, was ich über den Politischen Paradigmenwechsel geschrieben habe: Das Folgeparadigma wird sich nicht durch Wahlen, neue Parteien oder reformerische Initiativen ereignen, das erscheint mir inzwischen als eine der grundlegendsten Tatsachen, von denen ausgegangen werden sollte. Weil das jetzige Paradigma eine zunehmend starre, unverrückbare und völlig monolithische Einheit bildet, die keiner Transformation mehr fähig ist.
Neulich schaute ich in einem Wartezimmer auf die dort ausgelegten Zeitschriften: alles das, was dort eigentlich immer schon lag und immer zu liegen hat: Stern, Bunte, Spiegel, Focus, Autozeitschriften, Frauenzeitschriften wie Brigitte, Elle, Cosmopolitain, Vogue und dergleichen, jugendliche Trendmagazine wie Prinz, Stadtmagazine etc. Was alle diese Medien vereint, ist ein unausgesprochener Grundtenor: Das System muß gestützt werden, und zwar um jeden Preis. Wir haben es hier mit der kulturellen und politischen Fortführung des Falschgelddenkens zu tun: Verschuldung ("Kredit") statt Wert, Schein statt Sein, leere Versprechung statt Verläßlichkeit und Verantwortlichkeit. Die Magazine setzen diese Botschaft in ihr spezielles Themenspektrum um, so wie katholische Kirchenzeitschriften das vom Vatikan vorgegebene Dafürhalten, also die zugrundeliegende Dogmatik und Weltsicht, eins zu eins umsetzen.
Zweifel oder Kritik kann und darf es dort nicht mehr geben. Selbst Zögern und Zaudern sind nicht erlaubt, ansonsten gefährdet der Schreiber seine eigene Berufsstellung. Aber diese Leute glauben das ja auch. Sie wollen es gar nicht anders wissen. Lebt es sich doch bislang immer noch ganz gut mit diesem Denken an der Oberfläche. Genaueres Nachforschen über die Hintergründe dieses Systems, über den Betrug hinter dem Geld, das schon längst nichts mehr wert ist, aber aufgrund der Massenbeeinflussung immer noch den Anschein von Wert beanspruchen kann, würde zu jäh in einen Abgrund führen, in ein Erwachen hinsichtlich der Realität, und das scheut diese Gesellschaft aus Lügnern und Selbsttäuschern wie der Teufel das Weihwasser. Das ist ihr unausgesprochener Zusammenhalt, ihr wahrer Glaube, ihre heilige Kuh.
Dieses System reinigt sich inzwischen selbst. Es grenzt diejenigen Informationen, die es bedrohen, schon im Vorfeld aus. Unliebsames wird gar nicht erst erwähnt. Man könnte das leicht an den neuesten Nachrichten aus Afghanistan oder über den Lissabon-Vertrag oder über die wahren Wirtschaftsdaten beweisen, wo der Öffentlichkeit nur noch ein monolithisches Propagandagebilde vorgesetzt wird, das mit den Fakten nichts mehr zu tun hat. Durch deutsche Kriegsführung verbrannte unschuldige Zivilisten? Nie gehört! — Wiedereinführung der Todesstrafe? So ein Quatsch, kann es doch gar nicht geben! — Gefälschte Inflations- und Arbeitslosenzahlen? Doch nicht in unserem ehrlichen Land! — Zerstörung der Ersparnisse und Finanzen durch hemmungsloses Papiergelddrucken? Das würden doch unsere Verantwortlichen nie zulassen! — Enteignungen? Sind doch allein schon aufgrund unserer Gesetze gar nicht möglich! — Geheimabsprachen der regierenden Politiker, um das Volk auszutricksen und zu entmündigen? Wir leben doch in einer Demokratie, da würde das doch sofort herauskommen und verhindert werden! — Aber ich habe schon geschrieben: Diejenigen, die nichts Näheres wissen wollen, werden genausowenig durch Beweise überzeugt. Die werden immer der Propaganda glauben, und die Gläubigsten glauben daran, wie eiserne Nazifunktionäre im 2. Weltkrieg, bis zum letzten Blutstropfen, selbst wenn die Wirklichkeit immer offensichtlicher eine andere Sprache spricht.
Der Paradigmenwechsel wird kommen, aber er wird erst durch den Totalzusammenbruch dieser monolithischen Einheit aus Betrug und Interessenfilz kommen. Deshalb ist es so müßig, jetzt schon reformerische Neuansätze zu erwägen und hie und da zu versuchen, wieder etwas demokratischer, offener, rechtsstaatlicher zu werden. Nichts gegen solche gutgemeinten Initiativen! Aber der eigentliche Zusammenhang ist doch dieser: Wenn etwas zugrunde gehen muß, dann hilft es wenig, das Ende weiter hinauszuzögern. Wir leben jetzt in einer Phase, in der das Hinauszögern den Kollaps nur noch schlimmer macht. Das System wird, bevor es kollabiert, sich noch die allerletzten Ressourcen und, wie zu befürchten steht, auch noch das letzte Stück Mensch und Gesundheit greifen, bevor es dann schließlich selbst den letzten Lebenshauch ausatmet. Geldkrake und Staatskrake sind zu sehr verwoben und verflochten, als daß ein Teil sterben und ein anderer Teil bleiben und saniert werden könnte. Auch handelt es sich um ein Konstrukt, dessen Ursprung noch viel weiter zurückreicht als bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts und vor die Perioden der beiden letzten Weltkriege. Das ganze Finanz- und Wirtschaftsdenken der letzten 200 Jahre ist davon betroffen. Und diesmal wird nicht nur der Westen, sondern auch der Osten mit in den Strudel der Destruktion hineingezogen werden.
Wer das alles kommen sieht, wird feststellen müssen, daß zur Zeit nicht viel getan werden kann. Es nützt wenig, neue Ideen zu entwickeln, weil fürs erste gar keine Grundlage existiert, auf der diese zur Anwendung kommen können. Das einzige, was bleibt, ist eine kluge Krisenvorsorge, und ferner, sich durch die lange, womöglich noch ein, zwei oder drei Jahre dauernde Agonie von Falschgeldsystem und Falschgeld-Kultur nicht die eigene Lebensqualität vermiesen zu lassen. Die Herausforderung besteht jetzt darin, auch noch im Angesicht des kommenden Untergangs glücklich zu leben. Das ist für viele etwas ganz Neues, und es ist, vor allem zu Beginn, nicht einfach.
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